Wo nichts feststeht, kann alles werden

VERÖFFENTLICHUNG · BUCHREZENSION

Wo nichts feststeht, kann alles werden

Eine Rezension zu Buddhist Spirituality and Social Action von Phra Paisal Visalo.

Von Christoph Richter · SAILR

Wo nichts feststeht, kann alles werden – SAILR Buchrezension zu Phra Paisal Visalo

Besprochenes Buch: Buddhist Spirituality and Social Action: The Collected Writings of Phra Paisal Visalo, herausgegeben von Jonathan S. Watts, INEB 2025.

Der Titel dieses Buches enthält bereits seine wichtigste Botschaft: Spiritualität und gesellschaftliches Handeln gehören zusammen.

Phra Paisal Visalo vertritt keinen Buddhismus, der sich aus der Welt zurückzieht. Meditation, Achtsamkeit und innere Ruhe sind für ihn keine Flucht vor sozialen Problemen. Sie sollen Menschen vielmehr befähigen, sich klarer, mitfühlender und gewaltfreier in die Welt einzubringen.

Der 2025 veröffentlichte Sammelband vereint vierzig ältere Reden, Aufsätze, Interviews und Lehrtexte. Sie behandeln persönliche Lebensführung, die Reform des thailändischen Buddhismus, Konsumgesellschaft, Umweltzerstörung, soziale Entwicklung, politische Konflikte, Gewaltfreiheit und Sterbebegleitung. Das Buch ist deshalb keine systematisch aufgebaute Monografie. Manche Gedanken wiederholen sich, und einige politische Texte beziehen sich stark auf die thailändischen Verhältnisse ihrer Entstehungszeit. Gerade in der Zusammenschau entsteht jedoch ein bemerkenswert geschlossenes Bild.

Im Zentrum steht eine einfache Einsicht: Die Krisen der Welt und die Krisen des menschlichen Geistes sind nicht voneinander zu trennen. Umweltzerstörung, Konsumzwang, religiöse Korruption, politische Gewalt und soziale Ungerechtigkeit entstehen nicht nur durch falsche Gesetze oder schlechte Institutionen. Sie werden auch von Gier, Angst, Hass, Verblendung und dem Wunsch getragen, das eigene Ich abzusichern.

Umgekehrt wäre es aber zu einfach, alle gesellschaftlichen Probleme nur auf die innere Haltung einzelner Menschen zurückzuführen. Ich nutze an dieser Stelle westliche Denker wie Adorno, Horkheimer, Foucault, Deleuze und Lacan, um das Gesagte für uns „Westler“ verständlicher zu machen – und sie ergänzen es dort, wo gesellschaftliche Machtverhältnisse genauer beschrieben werden müssen.

Konsum und das Versprechen eines besseren Ichs

Besonders eindrücklich ist Phra Paisals Kritik der Konsumgesellschaft. Menschen kaufen nicht nur Dinge, weil sie diese benötigen. Sie kaufen Anerkennung, Zugehörigkeit und das Bild eines glücklicheren Selbst. Das richtige Auto, die richtige Kleidung oder ein bestimmter gesellschaftlicher Status sollen beweisen, dass man jemand ist.

Adorno und Horkheimer beschrieben, wie Werbung, Medien und Kulturindustrie Bedürfnisse hervorbringen, die anschließend wie ganz persönliche Wünsche erscheinen. Phra Paisal formuliert eine ähnliche Beobachtung in einer einfacheren, unmittelbareren Sprache: Wir schaffen Technik, Geld, Marken und gesellschaftliche Normen – und lassen uns danach von unseren eigenen Erfindungen beherrschen.

Lacan betrachtet denselben Vorgang von der psychischen Seite. Der Mensch spürt einen Mangel und hofft, ihn durch ein neues Objekt zu schließen. Doch kein Besitz kann ihm endgültig geben, was er sucht. Kaum wurde ein Wunsch erfüllt, erscheint der nächste. Das Problem liegt deshalb nicht darin, dass wir noch nicht das richtige Objekt gefunden haben. Das Problem ist die Erwartung, irgendein Objekt könne uns vollständig machen.

Phra Paisals Antwort besteht nicht in einer moralischen Verurteilung aller Wünsche. Er fordert vielmehr dazu auf, die Bewegung des Begehrens bewusst wahrzunehmen. In der Achtsamkeit können wir erkennen, wie ein Wunsch entsteht, welche Vorstellung von Glück sich mit ihm verbindet und weshalb seine Erfüllung nur vorübergehend beruhigt.

Dabei richtet sich seine Kritik auch gegen einen Buddhismus, der selbst zum Konsumprodukt wird. Amulette, Segnungen, religiöse Titel und großzügige Spenden können zu einer Art spiritueller Statusware werden. Selbst Meditation kann zur Technik der neoliberalen Selbstoptimierung verkommen: Man meditiert, um leistungsfähiger, erfolgreicher oder angesehener zu werden. Dann stellt die Spiritualität das Ego nicht infrage, sondern man landet auf einer neuen spirituellen Ego-Plattform. Das Ego hat viele Gesichter.

Macht befindet sich nicht nur an der Spitze

Phra Paisals Kritik am thailändischen Sangha, der Gemeinschaft der Ordinierten, lässt sich besonders gut mit Foucault verstehen. Paisal beschreibt ein zentralisiertes System, in dem Rangordnungen, persönliche Abhängigkeiten, staatliche Nähe und fehlende Kontrolle Korruption begünstigen.

Foucault zeigt, dass Macht nicht nur von einem Herrscher oder einer Institution ausgeht. Sie wirkt durch Regeln, Bildungswege, Gewohnheiten, Sprache und Vorstellungen davon, was normal oder wahr ist. Auch ein Kloster ist hiervon nicht ausgenommen.

Das macht Phra Paisals Reformvorschläge interessant. Er setzt auf Transparenz, lokale Beteiligung und eine stärkere Verantwortung der Laien. Ein neues Ministerium oder ein besonderer staatlicher Status des Buddhismus würden die Krise dagegen nicht lösen. Mehr staatliche Macht kann eine geschwächte Religion nicht wieder lebendig machen.

Foucault hilft zugleich, eine kritische Frage an Paisal selbst zu stellen: Wer entscheidet eigentlich, was der „wahre“ Buddhismus ist? Auch Reformbewegungen schaffen neue Regeln, Autoritäten und Vorstellungen vom richtigen Leben. Macht verschwindet nicht einfach. Sie kann aber sichtbarer, überprüfbarer und weniger zentralisiert werden. Diese Perspektive hat auch Auswirkungen auf politisch geschaffene Strukturen. Gesetze und Reformen können nur gesamtgesellschaftlich getragen werden, wenn Entscheidungsträger auch von eigener persönlicher Entwicklung betroffen sind.

Alles besteht in Beziehungen

Gilles Deleuze eröffnet einen weiteren Zugang. Für ihn ist die Welt nicht aus festen, voneinander getrennten Dingen zusammengesetzt. Wirklichkeit besteht aus Beziehungen, Veränderungen und immer neuen Verbindungen.

Das passt zu Phra Paisals Beschreibung von Vergänglichkeit und gegenseitiger Abhängigkeit. Kein Mensch existiert aus sich allein. Nahrung, Luft, Sprache, Gemeinschaft und Natur tragen unser Leben. Auch unsere Persönlichkeit ist nichts Unveränderliches. Sie entsteht fortwährend neu aus Erfahrungen, Beziehungen, Erinnerungen und Entscheidungen.

Deleuze würde Begehren allerdings weniger negativ verstehen als der traditionelle Buddhismus. Begehren ist für ihn nicht nur Gier oder Ausdruck eines Mangels. Es ist auch eine schöpferische Kraft. Die entscheidende Frage wäre deshalb nicht nur, wie wir das Begehren beruhigen, sondern auch, wodurch es geformt wird: Warum richtet es sich auf Konsum und Status? Wie könnte dieselbe Energie stattdessen Gemeinschaft, Kreativität und ökologische Lebensformen hervorbringen?

Phra Paisals Berichte über buddhistische Umweltbewegungen, lokale Genossenschaften, engagierte Mönche und internationale Netzwerke zeigen solche Möglichkeiten. Gesellschaftliche Veränderung entsteht nicht allein durch eine Zentrale. Sie wächst aus vielen miteinander verbundenen Initiativen und beginnt dennoch immer bei uns selbst.

Der wirkliche Gegner

Auch bei politischen und religiösen Konflikten beginnt Phra Paisal mit der inneren Erfahrung. Der Gegner ist nicht nur der Mensch auf der anderen Seite. Der eigentliche Gegner sind Hass und Zorn, die uns dazu bringen, den anderen nicht mehr als Menschen zu sehen.

Lacan hilft zu verstehen, warum Feindbilder so beständig sind. Gruppen gewinnen ihre Identität häufig durch Abgrenzung. Wir sind die Guten, weil die anderen angeblich böse sind. Was wir in uns selbst nicht sehen wollen, legen wir in den Gegner hinein. Selbst Empörung und moralische Überlegenheit können eine eigentümliche Befriedigung erzeugen.

Phra Paisals Lehre von der Nicht-Dualität unterbricht diesen Mechanismus. Gut und Böse lassen sich nicht immer sauber auf zwei verschiedene Gruppen verteilen. Wer im Namen des Guten Gewalt ausübt, kann selbst Teil der Gewalt werden. Gewaltfreiheit ist deshalb für Paisal nicht bloß eine höfliche Verhandlungsmethode. Sie beruht auf der Einsicht, dass Gegner miteinander verbunden bleiben und keine Seite außerhalb der gemeinsamen Ursachen eines Konflikts steht. Wir können auch mit Dudley Weeks sagen: Es gibt den Konflikt „nur“ durch den anderen. Dadurch entsteht eine Konfliktpartnerschaft, die bedingt, dass ich den anderen brauche, um den Konflikt zu lösen – und vermutlich geht es uns dabei um dieselben Bedürfnisse.

Die positive Kraft des Nicht-Ich

Der tiefste Punkt des Buches liegt jedoch jenseits der Gesellschaftskritik. Er besteht in der buddhistischen Einsicht des Nicht-Ich, des anattā.

Nicht-Ich bedeutet nicht, dass der Mensch wertlos sei oder überhaupt nicht existiere. Es bedeutet, dass sich in uns kein fester, unabhängiger und unveränderlicher Wesenskern finden lässt. Das ist für westliche Denker schwer zu verdauen, sind wir doch mit Descartes’ „Ich denke, also bin ich“ aufgewachsen. Diese bittere Pille einmal geschluckt, eröffnet aber die Möglichkeit der „Nichtidentifizierung“. Erst dadurch ist es möglich, mit den Rollen des Lebens zu spielen und sie zu nutzen, wenn es nötig ist, und zu lassen, wenn sie unnötig oder belastend sind. Was wir „Ich“ nennen, ist ein lebendiger Zusammenhang aus Körper, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Beziehungen und Bewusstsein.

Diese Einsicht kann zunächst verunsichern. Das westliche Denken fragt gewöhnlich: Wenn kein festes Ich vorhanden ist, wer handelt dann? Wer entscheidet? Wer trägt Verantwortung?

Phra Paisals Antwort liegt weniger in einer Theorie als in der Erfahrung. Wenn die Fixierung auf das Ich für einen Moment nachlässt, verschwindet nicht das Leben. Es wird weiter. Die Grenzen zwischen dem eigenen Wohl und dem Wohl anderer werden durchlässiger. Mitgefühl muss dann nicht mehr als moralische Pflicht von außen auferlegt werden. Es entsteht aus der Erfahrung der Verbundenheit. Aus einem „Muss“ – als gesellschaftlicher Anforderung – entsteht ein „Kann“: die Erfahrung, die innere Kraft dafür zu haben.

Das Nicht-Ich ist deshalb keine Lehre der Verneinung, sondern eine Öffnung. Wo keine starre Identität verteidigt werden muss, wird Veränderung möglich. Wo kein isoliertes Ich im Mittelpunkt steht, entsteht Raum für andere Menschen, für Natur und für neue Formen des Zusammenlebens.

Wo kein festes Wesen gefunden wird, kann alles werden.

Für unsere stark polarisierende westliche Gesellschaft ist das ein absoluter Gamechanger.

Das ist die positive gesellschaftliche Kraft von Phra Paisals Spiritualität. Menschen sind nicht auf Gier, Konkurrenz oder Gewalt festgelegt. Auch Institutionen und Gesellschaften besitzen keine unveränderliche Natur. Weil alles bedingt entstanden ist, kann es sich verändern.

Denken ist eine Karte, nicht die Landschaft

Die westlichen Autoren erreichen solche Einsichten über lange Wege. Adorno und Horkheimer analysieren Kulturindustrie und instrumentelle Vernunft. Foucault untersucht Macht, Wissen und Selbstführung. Deleuze beschreibt Werden, Differenz und gesellschaftliche Gefüge. Lacan verfolgt die Bewegungen von Sprache, Mangel und Begehren.

Diese Begriffe sind wertvoll. Sie helfen uns, unsichtbare Machtverhältnisse zu erkennen und vorschnelle spirituelle Antworten zu vermeiden. Sie zeigen, dass Gier und Angst nicht nur persönliche Fehler sind. Sie werden durch Märkte, Medien, Institutionen und politische Identitäten organisiert.

Doch westliches Denken bleibt häufig in Sprache und Denken. Es beschreibt, unterscheidet, kritisiert und erzeugt neue Begriffe. Der Buddhismus nimmt einen anderen Weg. Er fragt nicht nur, wie das Ich theoretisch aufgebaut ist. Er lädt dazu ein, jetzt zu beobachten, ob dieses feste Ich in der unmittelbaren Erfahrung überhaupt gefunden werden kann.

Das bedeutet nicht, dass Denken unwichtig wäre. Das wäre auch kein Mittelweg. Ohne Denken könnten wir Macht und Ungerechtigkeit nicht benennen. Wir könnten keine politischen Alternativen entwickeln und keine Verantwortung übernehmen. Aber Denken ist nicht das i-Tüpfelchen des Menschseins. Es ist ein Werkzeug – vielleicht eine Karte. Die Wirklichkeit selbst begegnet uns nur im gegenwärtigen Augenblick.

Phra Paisals besondere Leistung besteht darin, diesen Augenblick nicht von der Welt zu trennen. Achtsamkeit endet bei ihm nicht auf dem Meditationskissen. Sie führt zur Frage, wie wir arbeiten, konsumieren, mit Gegnern umgehen, Institutionen gestalten, die Natur schützen und sterbende Menschen begleiten.

Das Buch ist nicht in allen Teilen gleich stark. Es wiederholt sich, manche politischen Beispiele sind erklärungsbedürftig, und gelegentlich droht die gesellschaftliche Analyse zu sehr auf individuelle Gier oder Unachtsamkeit verkürzt zu werden. Gerade hier bilden die westlichen Denker eine notwendige Ergänzung. Sie zeigen, wie das individuelle Bewusstsein von gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt wird.

Umgekehrt bewahrt Phra Paisal die westliche Kritik vor einem anderen Problem: dem endlosen Analysieren ohne innere Veränderung. Wer Macht durchschaut, ist deshalb noch nicht frei von Hass. Wer den Konsumismus kritisiert, ist noch nicht frei von Gier. Und wer das Ich theoretisch dekonstruiert, hat das Nicht-Ich noch nicht erfahren.

So gelesen entsteht ein fruchtbares Gespräch zwischen zwei Welten. Das westliche Denken macht Strukturen sichtbar. Der Buddhismus macht den gegenwärtigen Geist sichtbar. Das eine schützt vor Naivität, das andere vor Hoffnungslosigkeit.

Buddhist Spirituality and Social Action zeigt, dass die Einsicht in das Nicht-Ich nicht zum Rückzug aus der Welt führen muss. Sie kann vielmehr die Grundlage für eine menschlichere Welt sein. Denn wenn das Ich kein geschlossenes Ding ist, sind auch unsere Landesgrenzen nicht endgültig. Dann ist das Leiden anderer nicht von unserem eigenen Leben getrennt. Damit können wir die Verantwortung für die nächsten Jahrhunderte schultern – denn die Verantwortung selbst gibt uns dafür Kraft.


Autor: Christoph Richter · SAILR
Rubrik: Veröffentlichungen / Rezension